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HERR KNIGGE BEIM ZAHNARZT

Herr Knigge beim Zahnarzt

Herr Knigge ist neu in der Stadt – und er hat schreckliche Zahnschmerzen. Aus dem Internet hat er sich einen Zahnarzt in der Nähe seiner Wohnung gesucht. Der Web-Auftritt ist modern und die Mitarbeiter sehen sympathisch aus. Also greift er zum Telefon und möchte einen Termin vereinbaren. Leider empfängt ihn nur der Anrufbeantworter, der ihn über die Sprechzeiten informiert. Na gut, er probiert es zwei Stunden später noch einmal.

Nach fünf Versuchen hat er endlich eine Dame am Telefon, die ziemlich gestresst wirkt. Seine Schmerzen scheinen sie nicht sonderlich zu beeindrucken. ‚Wenn es heute noch sein muss, dann müssen Sie auf jeden Fall lange warten, es ist sehr voll‘ bekommt er zu hören. Na gut, dann wartet er bis morgen und soll pünktlich um 10.00 Uhr da sein.

Am nächsten Tag macht er sich rechtzeitig auf den Weg. Zum Glück hat er es nicht weit und kann zu Fuß gehen. Die Parkplätze in dieser Gegend sind nämlich knapp.

Das erste was ihm beim Betreten der Praxis auffällt ist der Geruch. Der erinnert ihn an die Zahnarztbesuche seiner Kindheit, irgendwie furchteinflössend. Die Einrichtung ist modern, hell und geräumig. Allerdings hat sich an der Anmeldung eine kleine Schlange gebildet, da hilft nur geduldig warten. Bevor er an der Reihe ist hat er schon erfahren, dass Herr Meier mit seiner Prothese unzufrieden ist und Frau Schulze ihre Rechnung nicht bezahlen will. Natürlich hält er höflich Abstand zum Vordermann, aber die Lautstärke mit der telefoniert wird lässt keine Diskretion zu.

So, jetzt geht es weiter und Herr Knigge ist an der Reihe. Voller Schrecken stellt er jetzt erst fest, dass er in der Aufregung seine Versichertenkarte vergessen hat. Das findet die Empfangsdame gar nicht lustig. Er wird gebeten die Karte möglichst heute noch nachzureichen und er soll im Wartezimmer ein Anmeldeformular ausfüllen.

Oh, das sind aber viele Fragen und alles ist so klein geschrieben. Herr Knigge hat seine Brille vergessen, kämpft sich aber tapfer durch den Text. Eine Mitpatientin gibt ihm den Tipp am Empfang nach einer Leihbrille zu fragen. Gesagt getan, jetzt geht es viel einfacher.

Nachdem dieser Teil erledigt ist heißt es warten. Herr Knigge sieht sich erstmal im Wartezimmer um. Die Stühle sind sehr chic, aber die alte Dame, die als nächstes aufgerufen wird hat viel Mühe daraus aufzustehen. In der einen Ecke gibt es ein paar Spielsachen und Bücher für Kinder, es gibt einen Wasserspender und ein Aquarium.

Ob der Praxisinhaber wohl Golf spielt? Drei verschiedene Golfmagazine liegen aus, dazu noch verschiedene Reisezeitschriften und die blauen Hefte des Lesezirkels. Genug Material, um sich die Wartezeit zu verkürzen.

Ziemlich hellhörig ist es hier. Die Geräusche aus dem benachbarten Behandlungszimmer klingen nicht sehr Vertrauen erweckend. Dieses hohe Geräusch vom Bohrer – und hat da nicht eben jemand geschrien? Nein, das hat er sich nur eingebildet. Auch vom Empfang klingen Stimmen ins Wartezimmer. Anscheinend hat eine Mitarbeiterin einen gravierenden Fehler gemacht und wird nun ausgezählt. Herr Knigge steht auf und schließt die Tür. Das will er gar nicht hören.

Die Wartezeit zieht sich schier endlos hin. Es werden viele Patienten vor ihm aufgerufen. „Vielleicht haben die mich vergessen“, überlegt Herr Knigge. Vorsichtig fragt er am Empfang nach, wie lange es denn wohl noch dauern wird. Die Mitarbeiterin ist nicht sehr erfreut. „Das dauert noch, da müssen Sie sich noch gedulden“ erklärt sie ihm kurz angebunden. Seufzend nimmt Herr Knigge wieder Platz. Der Tonfall in dieser Praxis gefällt ihm nicht besonders.

Jetzt geht es aber doch los. „Herr Knigge bitte in Sprechzimmer drei“ ruft jemand ins Wartezimmer.

Hoppla, beinahe hätte er das gar nicht gehört. Sorgfältig legt er die Zeitschrift beiseite und macht sich auf die Suche nach dem angegebenen Raum. Ziemlich unübersichtlich hier, und keiner den er fragen kann. So, jetzt hat er eine Tür mit der Nummer drei gefunden und tritt ein. Hier erwartet ihn schon eine freundliche Zahnarzthelferin und bittet ihn Platz zu nehmen. Sie fragt, ob er bequem sitzt und stellt ihm einen Becher Wasser hin. Sogar eine Serviette zum Mund abtupfen bekommt er.

Herr Knigge ist ziemlich aufgeregt. Schließlich ist sein letzter Zahnarztbesuch schon eine Weile her und außerdem kennt er hier niemanden. Glücklicherweise bleibt die nette junge Frau bei ihm und unterhält sich ein wenig mit ihm. Das dabei noch ein paar Dinge hin und her räumt, stört ihn nicht, er ist froh über die Ablenkung und entspannt sich langsam.

Nun erscheint auch der Zahnarzt. Er stellt sich als Doktor Klaus vor und gibt ihm zwar nicht die Hand, dafür guckt er ihn aber wenigstens an. (Herr Knigge hasst es, wenn er zur Begrüßung nicht angeschaut wird). Jetzt beginnt ein Frage- und Antwort-Spiel: Wo tut es weh, wie lange schon, wie fühlt sich der Schmerz an – sehr professionell.

Am Ende hat es kaum weh getan und der Zahnarzt hat ihm genau erklärt, was er getan hat. Dumm, dass Herr Knigge so lange mit seinem Besuch gewartet hat. Nun muss der Zahn überkront werden.

Er bekommt einen Stapel Unterlagen mit, erklärt wird ihm dazu leider nicht so viel. Na ja, dann kann ihm die Krankenkasse vielleicht weiterhelfen. Bis zum nächsten Termin ist das sicher geklärt.

Schmerzfrei, aber nicht hundertprozentig zufrieden verlässt Herr Knigge die Praxis.

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