12 Apr Introvertiertheit – Missverständnissen auf der Spur

Wissen Sie auch noch nicht, dass Sie introvertiert sind?

Ein Gastbeitrag von Natalie Schnack

Hässliche Hornbrille, Mundgeruch, von Motten zerfressener Pullunder, kein Blickkontakt, kriegt den Mund nicht auf, hockt allein in einem vollgemüllten Zimmer und hackt irgendwelche Programme? Ist das so ungefähr das Bild einer introvertierten Person, das in den meisten Hirnen hierzulande herumgeistert? Ich gebe zu, ein sehr dick aufgetragenes Klischee. 😉

Dennoch

Überlegen Sie mal ganz kurz, wie sieht jemand für Sie aus, den Sie spontan als introvertiert bezeichnen würden?

Es kann sein, dass Sie da schon aufgeklärt sind, weil Sie sich mit dem Thema auseinander gesetzt haben. Oder wissen aus eigener Erfahrung, wie nervig solche Vorurteile sind.

Was ich selbst ständig erlebe, ist Folgendes: Wenn ich sage, dass ich introvertiert bin, bekomme ich sehr oft als Antwort so etwas wie: „Hä? Du und introvertiert? Dann bin ich der Kaiser von China!“

Wenn ich dann nachfrage, wie jemand Introvertiertes denn nach der Meinung dieser Person ist, dann kommt meist die Beschreibung einer schwer gehemmten, extrem schüchternen oder sogar sozialphobischen Person. Das zeigt mir immer wieder, dass die wenigsten wissen, was Introversion tatsächlich ist.

Auch viele Introvertierten haben oft keine Ahnung davon und wissen nicht, dass sie dazu gehören. Meist fühlen sich nur schüchterne Menschen mit großen Kontaktschwierigkeiten von dem Begriff angesprochen. Was schlicht falsch ist.

Das Wissen um Introversion ist nicht neu, aber komischerweise wenig verbreitet. Zwar hat C.G. Jung schon 1921 die Unterschiede zwischen der Introversion und Extraversion beschrieben und es gab bis heute viel Forschung auf diesem Gebiet. Doch die Vermischung mit der Schüchternheit ist nach wie vor sehr präsent.

Es gibt auch kaum Lobby für Introversion. Erst seit ein Paar Jahren gibt es überhaupt Literatur jenseits psychologischer Fachbücher, die sich mit diesen Unterschieden befasst.

Nach 90 Jahren also, als Susan Cain im Jahre 2011 mit „Still – Die Kraft der Introvertierten“ und darauf basierend Sylvia Löhken mit „Leise Menschen – starke Wirkung“ Bestseller landeten, bekam das Thema Auftrieb.

Als ich diese Bücher las, wurde mir überhaupt erst klar, dass ich introvertiert bin.

Davor wusste ich nur: . „Ich mag keinen Small Talk. Ich bin mir selbst genug. Stille ist so wunderbar. Ich will nicht immer reden. Unter Menschen bin ich schnell erschöpft und überreizt. Ich denke viel über mich und die Welt nach. An fremde Menschen und Umgebungen muss ich mich erst gewöhnen. Ich beobachte erst und halte mich lieber im Hintergrund. Lasst mich doch alle in Ruhe, wenn ich in eine Sache vertieft bin!“ Auszug aus dem Vorwort zu meinem 2014 erschienen Buch Leise überzeugen: Mehr Präsenz für Introvertierte“.

Doch habe ich auch andere Seiten an mir: Ich lache gern, treffe mich gern mit tollen Menschen, stehe gern auf der Bühne, sowohl als Improvisationstheater-Spielerin als auch Vortragende. Ich bin auch nicht wirklich schüchtern. Und leise sprechen tue ich auch selten. Auch kann ich reden, wie ein Wasserfall, wenn mich ein Thema wirklich interessiert. Und ich habe schon gesagt bekommen, dass ich einen intensiven Kontakt allein mit meinen Augen aufbauen kann.

Auch kenne ich andere Menschen, den es genauso ergeht. Sie sprechen weder leise, noch sind sie schüchtern. Sie stehen im Gegenteil gern vor Menschen, halten Vorträge und Trainings oder moderieren Großgruppen. Dennoch auch sie sind introvertiert.

Mich hat das alles lange Zeit sehr irritiert. Denn ich merkte, ich kann mich allein mit dem „Leisesein“ nicht identifizieren, weil ich so viele andere Seiten habe. Andrerseits merke ich immer wieder, wenn ich mit so richtig Extravertierten zu tun habe, dass ich ganz sicher nicht extravertiert bin. . Und als ich meine eigenen Klischees zum Thema Intro- und Extraversion überprüft habe und mir nur die Definitionen angeschaut habe, was das im Einzelnen bedeutet, habe ich verstanden, worauf bei dieser Unterscheidung wirklich ankommt.

Introversion ist genau wie Extraversion angeboren und diese beiden bilden gegensätzliche Pole. Die Unterschiede liegen darin, wie Informationen im Gehirn verarbeitet werden, welche Nervenbahnen für den Reiztransport zuständig sind und welche Botenstoffe dabei ausgeschüttet werden.

Ich will hier nicht neurologische Befunde auswalzen. Fakt ist, es gibt viele „Bau-Unterschieden“ zwischen Introvertierten von Extravertierten.

Das eigentlich wichtigste Unterscheidungsmerkmal, das Sie sich auch leicht bei sich selbst und anderen nachvollziehen können ist nämlich dieser:

Introvertierte Menschen gewinnen ihre Energie durch das Alleinsein und verbrauchen ihre Energie, wenn Sie unter Menschen sind.

  • Sie gehen also ungern auf Partys, treffen sich lieber mit ein Paar Freunden in privater Atmosphäre. Überhaupt großer Lärmpegel wirkt auf sie belastend.
  • Sie brauchen viel Zeit für sich allein. Ein gutes Buch, einen Spaziergang im Grünen werden sie also in ihrer Freizeit immer einer anderen Aktivität vorziehen.
  • Sie sind am leistungsfähigsten und kreativsten, wenn sie Dinge für sich allein durchdenken können. Sie brauchen viele Phasen, in denen sie ungestört arbeiten könne. Deswegen sind sie leistungsfähiger, wenn Sie allein arbeiten und nicht in Gruppen.
  • Wenn sie viel unter Menschen waren, müssen sie sich unbedingt Zeit für sich haben, in der sie sich allein erholen können. Sonst fühlen sie sich völlig ausgelaugt und reagieren gereizt.

Bei den Extravertierten ist es andersherum, Sie gewinnen Energie durch Kontakt zu anderen und verlieren, wenn sie allein sind.

Nun könnte man denken, dass introvertierte Menschen ungesellig und verschlossen sind. Doch so ist das nicht. Auch sie brauchen Kontakt zu anderen Menschen und sind auch offen für ihre Mitmenschen. Nur eben in anderen Dosen, als das bei den Extravertierten der Fall ist, die unbedingt Kontakt brauchen, um sich wohl zu fühlen.

Außerdem sollte man immer beachten, dass Introversion nur ein Merkmal der Persönlichkeit ist. Denn jeder Mensch ist natürlich weit mehr ist als nur intro- oder extravertiert. Unsere Persönlichkeit ist sehr komplex und setzt sich aus vielen verschiedenen Teilen zusammen. Zugegeben, dieses eine Merkmal kann eine sehr große Bedeutung für die Ausbildung vieler anderen Merkmale sein. Durch die Erziehung, die Erfahrungen zu Außenwelt, wird jeder Einzelne so geprägt, dass jeder Introvertierter anders ist als ein anderer.

Was aber definitiv fest steht: Introversion hat rein gar nichts mit Schüchternheit, also Menschenscheu zu tun. Denn ein schüchterner Mensch sich Kontakt zu anderen wünscht und gleichzeitig unter seiner Angst vor anderen, vor deren Reaktion, deren Bewertung leidet. Er würde ja gern, traut sich aber nicht. Während ein Introvertierter geht nur dann in Kontakt, wenn er das will. Und da er nicht so auf Kontakt zu anderen angewiesen ist und wenn der dann einfach kein Interesse an der Person hat, hält er sich manchmal einfach zurück, um seine Ruhe zu haben. Auch wenn manche meinen, das wäre arrogant ist das nicht richtig. Das ist einfach überlebenswichtig für einen introvertierten Menschen.

Es kann übrigens sein, dass ein Introvertierter auch noch schüchtern ist, das kann man nicht ausschließen. Dennoch eines ist klar: das eine hat mit dem anderen keinen unmittelbaren Zusammenhang. Es gib nämlich auch genug extravertierte Menschen, die schüchtern sind!

Gut, dass wir das nun geklärt haben! 🙂

Und was ist jetzt mit Ihnen? Wenn Sie jetzt mal ehrlich zu sich selbst, gehören Sie eher zu den introvertierten oder extravertierten Menschen? Introvertiert sein hat nämlich viel damit zu tun, dass man erst nachdenkt, bevor man redet – und das ist in unserer heutigen Zeit eine sehr wertvolle Eigenschaft, finde ich. Was ist mit Ihnen?

Herzlichst, Natalie Schnack

http://natalieschnack.de


Profil Natalie Schnack Natalie Schnack ist selbst introvertiert. Auch wenn die Menschen, die sie nicht so gut kennen, es ihr kaum glauben. Offen, lebensfroh und herzlich hat die Wirtschaftsingenieurin, die seit 2009 als Coach zurückhaltende Menschen darin unterstützt, sich anzunehmen und auf die eigene Art aus dem mit eigenen Herzensthema ein erfolgreiches Business aufzubauen. Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, das Verständnis über Introversion anzustauben und aus dem Stigma zu befreien.


 Bücher von Natalie Schnack:

Leise überzeugen: Mehr Präsenz für Introvertierte, Humboldt 2014

30 Minuten Selbstbehauptung, GABAL 2013

1Comment
  • Natalie Schnack
    Posted at 11:58h, 15 April Antworten

    Liebe Marlies,

    vielen Dank für diese wunderbare Gelegenheit, für deine Leser über mein Herzensthema Introversion zu schreiben!
    Es war mir eine Freude 🙂

    Herzliche Grüße
    Natalie

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