21 Jun DUZEN

Als Kinder hatten wir alle kein Problem mit der Anrede. Da waren alle Menschen „Du“.

Später haben uns unsere Eltern und Lehrer dann beigebracht, dass man nicht einfach jeden duzen darf. Erwachsene, die nicht zum Familien- oder näheren Bekanntenkreis gehörten, sollten wir nun siezen. Diese Regel gilt heute noch, aber jetzt sind wir selbst erwachsen und grübeln schon so manches Mal welche Anrede nun richtig oder passend ist.

Rangfolge Altersregel

Im Grunde ist es doch ganz einfach: Fremde Erwachsene siezen sich bei uns in Deutschland. (Punkt!)

Leider ist das Thema damit aber doch nicht so einfach erklärt, denn schon stehen wir vor der Frage, wer denn nun ein Du-Angebot machen darf.

Im Job richten wir uns nach der beruflichen Hierarchie. Wer ranghöher ist, ist am Zug. Allerdings sind, bei gleicher Hierarchieebene auch die ‚alten‘ Kollegen als ranghöher einzustufen, denn sie haben den ‚Heimvorteil‘; genauer gesagt, sie sind dienstälter und entscheiden über Du oder Sie.

Im Privatleben zählt heute nur noch die Altersregel: Wer mehr als eine Generation älter ist (20-25 Jahre) wird gesiezt – oder bietet das Du an.

Soziale Netzwerke

In manchen sozialen Netzwerken ticken die Uhren anders. Bei Facebook, Instagram oder YouTube, wird geduzt, bei Xing, LinkedIn und Co. läuft es per ‚Sie‘.

Da wird es für diejenigen kompliziert, die mit dem Chef auf Facebook befreundet sind. Das Facebook-Du gilt nicht zwangsläufig auch im Büro.

Du – im Job vor Kunden

Auch wenn die Hierarchien immer flacher werden und selbst Vorstände von DAX-Unternehmen von ihren Mitarbeitern per Du angesprochen werden möchten; im Umgang mit dem Kunden ist Fingerspitzengefühl gefragt. Am günstigsten ist eine einheitliche Anrede im Kundengespräch.

Sind Sie mit dem Kunden und den Kollegen per Du, wird geduzt, ist das nicht der Fall, wirkt die Sie-Form für alle einfach professioneller.

Begrenztes Du

Hin und wieder gibt es auch ein Du auf Zeit. In manchen Seminaren wird das so vereinbart. Dann ist man für die Dauer der Veranstaltung per Du – trifft man sich aber nach einer Zeit zufällig auf der Straße wieder, kann man zum Sie zurückkehren.

Ich frage in so einem Fall gern einfach nach: „Ich weiß gar nicht mehr, waren wir beim Du oder beim Sie?“ Dann ist das gleich geklärt.

Im Sport wird übrigens, genau wie bei den Gewerkschaften, traditionell geduzt, und auch das Handwerk ist eher eine Du-Domäne.

Du anbieten / ablehnen

Wer sich nur mit seinem Vornamen vorstellt, bietet automatisch das Du an.

Nicht jedem ist diese Vorgehensweise bewusst. Überlegen Sie also vorher gut, welche Anredeform passend ist. Was auf einer Party völlig normal ist, kann in einer Seminar-Runde für Verwirrung sorgen.

Ein Du abzulehnen ist eine heikle Angelegenheit und verlangt Fingerspitzengefühl. Am besten bedanken Sie sich für den Vertrauensbeweis und bitten anschließend um Verständnis für Ihre Vorliebe für das ‚Sie‘. Antworten wie. „Mit Ihnen will mich nicht duzen“, oder noch schlimmer:“ Haben wir zusammen in der Sandkiste gespielt oder warum duzen Sie mich?“ sind nicht nur unhöflich, sondern auch verletzend.

Brüderschaft

Noch vor zwanzig Jahren wurde ausführlich Brüderschaft getrunken, nachdem man sich auf das Du geeinigt hatte. Mit allem Drum und Dran, inklusive Bruderkuss. Heute verständigen wir uns einfach verbal auf das Du und prosten uns vielleicht noch zu. Das war‘s dann aber auch schon. Gott sei Dank!

Hamburger Sie

Eine spezielle Anredeform. Hier wird auf die förmliche Anrede mit dem Nachnamen verzichtet, das respektvolle Sie bleibt aber erhalten. Eine gute Lösung für junge Erwachsene, denen es eher unangenehm ist, mit dem Nachnamen angesprochen zu werden.

Achtung: Bevor Sie jemanden einfach mit Vornamen und Sie ansprechen, fragen Sie nach, ob das in Ordnung ist. Nicht jeder ist ein Fan des ‚Hamburger Sie‘s‘.

Du, Frau Meyer

Das kennen Sie sicher auch: Sie erkundigen sich im Baumarkt nach bestimmten Eigenschaften einer Wandfarbe und der Mitarbeiter ruft seine Kollegin: „Frau Meyer, kannst du dem Kunden mal unser Farbsortiment erklären“

Hier ist vermutlich die Unternehmensphilosophie ‚Vor dem Kunden wird sich gesiezt‘ sehr frei umgesetzt worden.

Nicht zur Nachahmung empfohlen.

Duzen von oben herab

Die schlechteste aller Du-Varianten ist das Du mit Statusgefälle. Der wichtige Chef duzt den neuen Auszubildenden, erwartet aber gesiezt zu werden.

Ob Du oder Sie, ob respektvoll, offen, vertraulich – wir sollten auf der gleichen Ebene miteinander umgehen.

 

In unserem Blog und bei den Online-Produkten konnten wir uns nicht mit dem Du anfreunden. Nach einer kurzen Testphase sind wir zum Sie zurückgekehrt. Das fühlt sich (subjektiv) einfach stimmiger an.

Lassen Sie sich also nicht verwirren, wenn aus allen Ecken das Du herüber weht. Sie entscheiden, wie Sie angesprochen werden möchten – jedenfalls meistens.

3 Comments
  • Chris Neuschild
    Posted at 12:20h, 21 Juni Antworten

    Sehr geehrte Frau Smits,
    pefekt, genau das ist auch in meinem Sinne.
    Erfahrungen:
    1. Ich wurde geduzt und lasse es gelten, als sich dann aber der Umgangston verschlechterte kehrte ich zum SIE zurück und siehe da, der Ton wurde höflicher 🙂
    2. Wenn ,meist Jüngere (sociel network generations) mich (65+) duzen, verbleibe ich beim SIE und siehe da es klappt:-)
    3. Im Angelsächsischen ist das ja besser geregelt, der Deutsche versteht das i.d.R. anders 🙁
    Beste Grüsse aus dem Unruhestand
    Chris Neuschild
    http://www.ruegen-ruhe-rattelvitz.de

    • Marlies und Gerhard Smits
      Posted at 12:33h, 21 Juni Antworten

      Ja, leider ist ja der Umgangston mit Duzen häufig – ähm – anders als mit dem Siezen.

  • Hertha-Margarethe Kerz
    Posted at 12:45h, 21 Juni Antworten

    Ganz schlimm finde ich, man fängt in einer Firma neu an, die kennen einen noch gar nicht, und schon „Duzen wir uns hier alle“. Zum Weglaufen.
    .
    Eine weitere Info zur Warnung; als ich jung war (das ist meine Entschuldigung) und in meine erste Wohnung einzog, „fing“ mich im Keller ein Typ ab und erklärte mir „wir duzen uns hier im Haus alle“. Nein, nur er duzte alleinstehende Frauen…..
    .
    Ich denke, man kann gut und gerne das Du höflich ablehnen („wenn wir uns besser kennen, gern“, ich halte das Sie erst einmal für angemessener“, „Sie werden aufhören mich zu duzen, sonst gibt es Ärger“) und zwar abhängig vom Gegenüber, was er am besten versteht. Denn manchmal muss man doch sehr eindeutig werden.
    .
    Ich hatte mal einen Chef, der versuchte es auch und mit schöner Regelmäßigkeit tönte ich dann freundlich und mit einem Lachen durch die Firma: Mein Name ist Kerz, Herr X“. Musste man aber immer mal wiederholen.
    .
    Huch, was magst du, lieber Leser jetzt nur denken, wo ich gewohnt und gearbeitet habe ;-.)

Post A Comment